Ein Führerschein fürs Elternsein?

Kinder grosszuziehen ist nicht leicht. Müssten werdende Eltern für ihre Aufgabe ein Diplom erwerben? Der Pädagoge Heinrich Nufer gibt Auskunft.

Elternschaftsdiplom

«Brückenbauer»: Für alles braucht es einen Ausweis: fürs Autofahren, fürs Schulegeben, fürs Tauchen - nur nicht für die anspruchsvolle Aufgabe, Kinder zu erziehen. Was halten Sie von einem «Elternführerschein»?

Heinrich Nufer: Es ist völlig undenkbar, auf breiter Ebene eine Eignungsprüfung für werdende Eltern einzuführen. Mütter und Väter wachsen doch mit der Zeit in ihre Aufgabe hinein.

Machen denn Eltern nicht Erziehungsfehler?

Ich finde, viele Eltern machen ihre Sache sehr gut, sie hinterfragen ihren Erziehungsstil und nehmen auch Hilfe in Anspruch. Es bringt nichts, das theoretische Fachwissen zu testen, bevor Erwachsene Kinder haben dürfen. Hingegen wäre es sinnvoll, sie für die Bedürfnisse ihrer Kinder sensibel zu machen, sie zu unterstützen, wenn sie Probleme haben, ihnen zu helfen, eine eigene Linie zu finden.

Es gibt doch auch andere Eltern, die sich einfach durchwursteln.

Frühere Elterngenerationen wussten offenbar genauer, was ihre Aufgaben sind. Heute gibt es dutzendweise Erziehungstheorien und -modelle. Die Eltern sind dadurch unsicherer geworden.

Dass sich viele Mütter und Väter nicht um die Elternbildung bemühen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass eine geeignete und breite Palette von Angeboten vielerorts fehlt: zum Beispiel Treffs, wo sich Eltern unter ihresgleichen austauschen können. Wo es sie jedoch gibt, werden sie rege besucht.

Ist es denn heute schwieriger als früher, Kinder zu erziehen?

Ja: Einerseits sind die Rahmenbedingungen schlechter geworden, mehr Instanzen sind an der Erziehung beteiligt: Schule, Freizeitorganisationen, Medien, um nur einige zu nennen. Anderseits ist das Geschehen innerhalb der Familie Privatsache geworden: Früher betreuten Grosseltern und Verwandte die Kinder selbstverständlich mit und schauten ihnen auch auf die Finger.

Seit dem Aufkommen der Klein- und Kleinstfamilie fühlen sich viele Eltern, vor allem die Mütter, alleingelassen: Sie sind ausgekoppelt aus dem Berufsleben, das zuvor ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität gewesen ist, verbringen lange Tage isoliert mit ihren Kindern. Heute gilt das Verursacherprinzip: Wer Kinder hat, soll selber für sie aufkommen.

Gesellschaft

Hat die Gesellschaft ebenfalls eine Verantwortung für Kinder?

Es geht die Gesellschaft etwas an, wie es den Eltern mit ihren Kindern geht und wie es den Kindern mit ihren Eltern geht. Sie hat sowohl eine Verantwortung für das Wohl der Kinder wie auch der Väter und Mütter. Ich bin der festen Meinung, dass man sich in den Erziehungsalltag der Eltern einmischen soll - nicht besserwisserisch, aber anteilnehmend.

Können Sie ein Beispiel geben, das belegt, dass Einmischung nötig ist?

In der Schweiz werden viele Kinder geschlagen und misshandelt. Das hat auch damit zu tun, dass die Eltern allein gelassen werden mit der irrigen Meinung, es gehe niemanden etwas an, was in Kinderzimmern geschieht.

Mischen Sie sich auf der Strasse in Erziehungssituationen ein?

Ja, das tue ich, wenn ich das Gefühl habe, dass kindliche Grundbedürfnisse missachtet werden oder Eltern «am Anschlag» sind. Und zwar mische ich mich nicht als Wissenschafter ein, sondern als Vater und Erzieher: nicht belehrend, sondern fragend. Viele Leute sind froh, dass man nach ihren Problemen fragt.

Politik

Sind die Probleme der Familien in der Politik ein Thema?

Politikerinnen und Politiker machen überwiegend schöne Worte. Man hat noch nicht eingesehen, dass unser Sozialstaat davon abhängig ist, ob es in der Schweiz genügend Kinder gibt und ob diese unter bestmöglichen Bedingungen aufwachsen. Eine Familienpolitik, die diesen Namen verdient, wäre wohl das kostengünstigste und wirksamste Mittel dafür. Und sie ist im übrigen das beste Mittel zur Vorbeugung von Sucht.

Wie könnten junge Familien konkret unterstützt werden?

Man müsste vermehrt zur Kenntnis nehmen, dass Kinder viel Geld kosten. Junge Familien müssten finanziell entlastet werden, zum Beispiel mit massiv höheren Kinderzulagen oder steuerlichen Erleichterungen. Ausserdem könnte man sämtliche politischen Entscheide auf ihre Familienverträglichkeit untersuchen, bevor sie in Kraft gesetzt werden. Es ist nämlich eine unschätzbar wertvolle Leistung für unsere Gemeinschaft, wenn Kinder in guten, tragfähigen Familien aufwachsen können. Warum gibt es in diesem Land zwar Wirtschaftsförderer, aber keine Familienförderer?

Wirtschaft

Trägt auch die Wirtschaft Verantwortung für die Familien?

Sie hat insgesamt eine soziale Verantwortung und müsste also prüfen, welche Konsequenzen ihre Entscheide auf den familiären Bereich haben. Dass die Familien funktionieren, liegt übrigens auch im Interesse der Betriebe: Wer in einer stabilen Familiensituation lebt, arbeitet erwiesenermassen motivierter.

Eigeninitiative

Was können Familien selber tun, damit es ihnen bessergeht?

Sie könnten anfangen, vermehrt aus ihren vier Wänden auszubrechen und sich mit anderen Familien auszutauschen: Was tun die anderen Mütter und Väter, wenn die Kinder trotzen? Wie haben andere Familien die Rollen aufgeteilt?

Die neuen Männer

Apropos Rollenteilung: Wie steht es mit den «neuen Vätern», die sich vermehrt in Haushalt und Kinderbetreuung engagieren?

Die sind rar, wie die Untersuchung unseres Instituts gezeigt hat. Väter beteiligen sich nach wie vor selten an Familienarbeiten. Diese traditionelle Rollenteilung ist nicht von vornherein verwerflich, aber sie muss zur Diskussion stehen, wenn eine Mutter das Gefühl hat, sie komme zu kurz. Sehr viele Frauen sind über die mangelnde Bereitschaft ihrer Männer, im Haushalt und bei der Kinderbetreuung mitzuwirken, mit den Jahren enttäuscht.

Interview: Martin Lehmann, Kindernachrichtenagentur (kinag)

Dr. Heinrich Nufer ist seit 20 Jahren Leiter des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind in Zürich, das die Interessen von Kleinkindern vertritt, besonders im Bereich der Erziehung.